Crivitz (Mecklenburg-Vorpommern)

 05.09.1792 / Stärke (F1) Bestätigt
Windhose um und über Crivitz. "Der so genannte "Crivitzer Fischregen" ereignete sich anno 1792. Angeblich soll eine "Windsbraut" über Crivitz getobt und eine Wasserhose aus dem See gehoben haben, in den Gärten und Gassen blieben dann nach Abflauen des Windes die Fische liegen ..." (Quelle: 750 Jahre Crivitz)
Auch die Schweriner Volkszeitung berichtet am 26.09.2006 über das Ereignis: "Zu den bekanntesten Geschichten, die sich der Volksmund in Crivitz erzählt, gehört jene vom Fischregen. Im September des Jahres 1792 soll sich nach einem regenreichen Vormittag eine ungewöhnliche, dunkle Wolke gebildet haben ? in Form eines Trichters. Diese Windhose deckte Wohnhäuser und Scheunen ab, entwurzelte Bäume. Über dem See nahm die Windhose so viel Wasser auf, so dass der Grund zu sehen gewesen sein soll. Diese Wassermengen wurden auf den Plätzen, in den Gassen und Gärten der Stadt fallen gelassen ? dabei regnete es Fische vom Himmel."

Aus der Schweriner Volkszeitung vom 12.06.2015: "Als es in Crivitz Fische regnete - Ende des 18. Jahrhunderts suchte eine Windsbraut die Kleinstadt heim ? damals sprach noch niemand von einem Tornado. ?Nachricht von einer Windsbraut, die am 5ten September 1792 das Städtchen Krivitz in banges Schrecken setzte.? So lautete der Titel eines Beitrages in den zu jener Zeit viel gelesenen ?Meklenburgischen Gemeinnützigen Blättern?, in dem ein verheerender Sturm beschrieben wird, der in der Kleinstadt gewütet hatte. Dabei handelte es sich ? wie erst jüngst in Bützow ? um einen Tornado, ein Wetterphänomen, das auch in der Vergangenheit Mecklenburg heimsuchte und mit zum Teil schlimmen Verwüstungen einherging. Das passierte zum Beispiel 1764 in Woldegk, 1881 in Wustrow auf dem Fischland, 1936 in Trinwillershagen nahe Ribnitz und 2009 in Plate. Mit Grausen sprachen die Menschen von der Furcht erregenden Windsbraut, ein Wort, das im Althochdeutschen ?wintes prut? hieß und im Mittelhochdeutschen ?windesbrut? und übersetzt wurde mit ?Geliebte des Windes?.
Eine solche Windsbraut wütete nun also in dem kleinen Städtchen Crivitz, einer typischen mecklenburgischen Ackerbürgerstadt. Allerdings glaubten die Menschen schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an das Spiel böser Mächte: Während man im Mittelalter den als Hexen verschrienen Frauen auch ein Bündnis mit der Windsbraut nachsagte, schob man Ende des 18. Jahrhunderts das Unwetter nicht mehr auf übernatürliche Ursachen. Das zeigt der Anfang des Augenzeugenberichtes: ?Eine Naturbegebenheit, die drohend in ihrem Anzuge, betäubend in ihrer Erscheinung und zerstöhrend in ihrer Wirksamkeit ist; und die dabey zum Preise ihres mächtigen Urhebers und zum Glük der Menschen, nur selten erfolgt, verdient ja wohl eine Aufmerksamkeit und zugleich in der vaterländischen Geschichte eine Aufbewahrung?, heißt es dort.
Der 5. September 1792 begann in Crivitz grau und regnerisch, schon am Vormittag öffnete der Himmel seine Schleusen und am Nachmittag kamen dann noch Blitz und Donnergrollen hinzu. Die Bewohner blickten besorgt auf die fliehenden Wolken. Dann näherte sich aus Südosten, aus Richtung des Dorfes Zapel, eine ganz ungewöhnliche Wolke. ?Sie hatte die Gestalt eines Käsebeutels oder eines Trichters, war unterwärts spitz, ganz schwartz und dunkel, und nach oben zu breit, helle und feurig. Bald wälzte sie sich auf der Erde, wühlte in ihr, und trieb den Staub vor sich her?, heißt es weiter in dem Bericht. Dann stieg diese Wolke wieder empor, senkte sich, ein einziger wirrer ekstatischer Tanz. Gegen drei Uhr am Nachmittag erreichte sie Crivitz und überfiel mit schrecklichem Getöse einen Teil der Stadt. Es wurde stockdunkel, ?dass man nicht gut sehen und lesen konnte?.
Schon in Zapel waren einige Gebäude zerstört, Bäume entwurzelt, gewaltige Eichenstämme zerrissen worden. In Crivitz wurde zuerst der Amts-Bauhof mit seinen umliegenden Gebäuden getroffen. Die Dächer wurden abgerissen mit schweren Balken und Latten und dem in den Scheunen lagernden Stroh. Das alles klumpte zusammen und trieb wie ein riesiger Ballon in den Lüften. Dann stürmte die Windsbraut weiter über den zwischen dem Amtshaus und der Stadt liegenden See und erzeugte in kürzester Zeit eine gewaltige ?Wasserhose?, hob diese steil hoch und brausend fiel die Wasserflut in die Gärten, auf die Felder und Straßen, alles mit sich reißend. In den Gassen spaddelten zu Hunderten die Fische - ein Ereignis, von dem später als dem ?Crivitzer Fischregen? gesprochen wurde.
Die Bäume, selbst die riesigen fest verwurzelten Eichen, knickten wie die Streichhölzer. Besonders betroffen war der Garten des ?Prediger-Wittwen-Hauses?, wo fast Dutzend Bäume wie mit gewaltiger Hand gefällt wurden. ?Den Strich von Häusern, den die Windsbraut nur kurz berührte, entblößte sie von ihren Ziegeln und öffnete ihre Thüren und Fenster.? Und weiter der Augenzeuge: ?Ein Streif dieser Windsbraut fuhr in eine aufgerissene Luke des Kirchenbodens, warf einen befestigten starken Band aus dem liegenden Stuhl, verschob den Dachstuhl selbst auf einen halben Fuß (etwa 15 Zentimeter/P.G.) und nahm auf jener Seite des Daches ihren zerstörenden Ausweg.? Dennoch, die gotische Backsteinkirche aus dem Jahr 1350 mit ihrem 40 Meter hohen Turm kam bei dem Unwetter noch einigermaßen glimpflich davon ? allerdings mit etlichen Dachschäden.
Das damals erst kurz zuvor erbaute Schäfer- und Hirtenhaus wurde ebenso zerstört wie das Jägerhaus. Die Windsbraut ?hob auf dem Felde die Steine auf und schleuderte sie umher, warf zwey Pferde um, führte ein Kalb blökend in die Höhe, und nahm Enten und andere Vögel mit sich fort und tödtete sie. Nahe bei Gädebehn schüttete sie ihre Wasserfülle aus.? Ein Glück war, dass dieser Tornado nur in einem kleinen Teil der Stadt wütete, und das auch nur wenige Minuten lang. Die Luft war von Staub und Stroh und aufgewirbeltem Unrat ganz dunkel, und Zeitzeugen berichteten von einem stark riechenden Schwefeldampf. Auch Feuerfunken wurden gesehen, die aber wohl von der Glut aus den Küchenherden stammten. Trotzdem holten die besorgten Bürger sofort die Feuerspritzen aus dem Schuppen, um schnell mögliche Brandherde löschen zu können. Glücklicherweise forderte die Windsbraut keine Todesopfer. Selbst die Hirten mit ihren Herden auf den Weiden kamen mit einem Schrecken davon.
So schnell, wie diese ?Unglückswolke? gekommen war, zog sie auch wieder ab, ?und nach der Finsterniß kam die Sonne mit ihrem heitern Glanz wieder hervor.?"


Zeittafel von Crivitz
Als es in Crivitz Fische regnete (Schweriner Volkszeitung, 12.06.2015)