Langeoog (Niedersachsen)

 23.06.1964 / Stärke (F1) Bestätigt
Zeitpunkt: Zwischen 07:50 und 08:30 Uhr MEZ. "[...] Außerdem gibt es einen Bericht von dem Langeooger Gerold Leiß und zwei Schulaufsätze über sieben Trombenbeobachtungen auf der Insel am 23. Juni 1964." (Quelle: Ostfriesland Magazin, Ausgabe 2/2000 und Nachlass von J. Letzmann, Archiv der Deutschbaltischen Kulturstiftung, Lüneburg) In den Unterlagen von J. Letzmann sind die Sichtungen genau beschrieben, dazu gibt es zahlreiche Fotos. Mindestens zwei der sieben Tornados erreichten die Insel, über Schäden an Land ist aber nichts bekannt.

Es folgt der Augenzeugenbericht von Gerhold Leiß: "Am 23.Juni 1964 beobachtete ich von Langeoog aus 7 Tromben. Die Erscheinungen traten zwischen 07.20 und 08.55 während eines leichten Gewitters auf. Die Bedeckung war während der meisten Zeit 10/10; tiefe Stratocumulus und Nimbostratus; das Gewitter schien sich über der Wolkendecke zu entladen; von 07:40 bis 08:50 leichter Regen. Wind WSW 3, abnehmend 2 und auf WNW drehend. Eine erste Gruppe von drei Tromben bewegte sich in der Zeit von 07:20 bis 07:45 nördlich der Insel über der See etwa von West nach Ost. Die Bewegung nach Osten erfolgte mit geringer Geschwindigkeit; der Abstand von der Insel betrug etwa 5 sm. Da ich mich am Wasserwerk befand, konnte ich nur den oberen Teil der Tromben sehen. Zwei waren nur noch schwach ausgebildet als ich sie sah, die Dritte entwickelte sich noch. Ein spitzer Trichter von starker graublauer Farbe schob sich von der Wolkenunterkante abwärts. Er wurde dann im oberen Teil zusehends breiter und bekam tiefer die Form eines langgezogenen S. Nach etwa 3 Minuten wurde die Farbe des Trichters heller und in seiner Mitte bildete sich ein schmaler heller Schlauch, wie eine Nabelschnur, der auf der ganzen Länge der Trombe sichtbar war. Kurze Zeit danach verschwand der untere Teil der Trombe, und der obere Teil nahm die Form eines langgezogenen Rechteckes von wieder dunklerer Farbe an. Nach 1-2 Minuten löste sich auch diese Form auf.

Um bessere Beobachtungsmöglichkeiten zu haben, bestieg ich den Wasserturm. (Fensterhöhe NN + 33,0 m). Um 07.50 sah ich eine zweite Gruppe von drei Tromben. Sie bewegten sich von WNW nach ENE und passierten den Wasserturm in etwa 400 m südlichen Abstand. Die Tromben bewegten sich mit einem Abstand von rund 2000 m voneinander auf fast der gleichen Bahn und hatten eine Marschgeschwindigkeit von etwa 12 sm/h. (nach Vergleich mit einem Fischkutter, der in der Nähe fuhr) Die Tromben waren in der Höhe als lange spitze Trichter zu erkennen. In geringerer Höhe vor einem Streifen helleren Himmels waren sie jedoch kaum zu sehen. Auf der Wasseroberfläche wurde ihre Wirkung jedoch wieder eindrucksvoll sichtbar. Die gesamte Meeresoberfläche war fast glatt. Unter den Tromben auf einer Fläche von etwa 80 m Durchmesser erschien das Wasser dunkler, wie unter einer Bö, und es bildeten such kleine spitze Wellen, die keine eigentliche Bewegungsrichtung hatten. In der Mitte dieses Feldes erhob sich ein weißer Gischtring von etwa 10 m Durchmesser und 2 m Höhe. Bis zu einer Höhe von 15 m setzte sich der Ring als dunkle Sprühwasserwand fort. Von da aus bis zu einer Höhe von etwa 100 m erschien das Sprühwasser wie dunkle, zerrissene Stratocumuluswolken. Sie bewegten sich langsam aufwärts und drehten sich dabei mit 20-30 Umdrehungen/min. gegen den Uhrzeigersinn.

Die erste Trombe erreichte den Strand um 08.01, die dritte um 08.20. Auswirkungen über Land waren vom Wasserturm aus nicht zu bemerken. Sie bewegten sich jedoch offenbar am Südrand des Dorfes vorbei. Als Auswirkung stellte ich später fest, dass
1. eine Dachseite eines Hauses am Süderdünenring fast völlig abgedeckt wurde,
2. ein leichter Kutschwagen umgeworfen wurde,
3. eine stabile Baubude (Holzbau) des Domänenrentamtes völlig zerlegt wurde.

Alle drei Tromben lösten sich gegen 08.30 über dem Wattenmeer auf. Die siebte Trombe entwickelte sich um 08.50 über dem Watt, sie bewegte sich von West nach Ost und war bis 08.55 sichtbar. Wegen des großen Abstandes vom Beobachtungsplatz konnten Einzelheiten nicht erkannt werden."