Arnbruck (Bayern)

 20.06.1996 / Stärke (F2) Bestätigt
Zeitpunkt: gegen 23:50 Uhr MESZ. Aus einer Meldung der Mittelbayerischen vom 26.08.2016: "Vor 20 Jahren verwüstet eine Windhose das Anwesen Josef Müllers. Der heute 70-Jährige spricht trotz allem von großem Glück. Arnbruck. Als vor gut einem Jahr im schwäbischen Dorf Affing ein Tornado eine millionenschwere Verwüstung anrichtete, erinnerten sich viele Arnbrucker an eine ähnliche Katastrophennacht, in der ein kleiner Tornado an mehreren Gebäuden der Familie Josef Müller in der Waltersau bei Arnbruck die Dächer mit sich fortriss und zu Kleinholz zerschmetterte. Josef Müller (70) erinnert sich noch genau: "In dieser Nacht haben wir gemeint, die Welt geht unter!" Kein Wunder, denn durch die Verwüstungen war auch die unweit vorbeiführende 20-KV-Stromleitung betroffen, so dass es in ganz Arnbruck finster war. Erst am frühen Morgen des 21. Juni 1996 wurde ihnen das Ausmaß des Schadens langsam klar, aber auch, welches Glück sie hatten, denn niemand war verletzt worden. Weder in der Familie von Josef Müller, noch im 50 Meter weiter unten stehenden Altbau, in dem Sohn Kuno Müller mit seiner Familie wohnte. Josef, der Jüngste, war zu dieser Zeit auf der Technikerschule in Regensburg. Unglaubliches Glück aber hatte der Zweitälteste, Andreas Müller, der mit seiner hochschwangeren Frau Silke, den Söhnen Andreas und Thomas, damals sechs und vier, im ausgebauten Dachgeschoss wohnte. Der Tornado riss ihnen buchstäblich das Dach über dem Kopf weg, über den Betten der Buben lagen Bretter und Reste der Sparren, aber keiner trug auch nur einen Kratzer davon. Nur den Akku-Schrauber, der auf einem Tisch in der Mitte des Kinderzimmers lag, fand man später 100 Meter weiter auf der Wiese. Silke gebar in derselben Nacht im Krankenhaus in Viechtach den Jüngsten, Markus, ohne Komplikationen. Noch ein weiteres unglaubliches Vorkommnis gab es: Das Dach des alten Wohnhauses, in dem Josef Müllers Ältester, Kuno, mit seiner Frau Marion und den beiden kleinen Kindern Matthias (3) und Monika (1) wohnte, wurde von der Windhose komplett abgehoben, wobei der hohe Kamin unbeschädigt stehen blieb. Lediglich die nördliche Giebelmauer war umgestoßen. Das Dach lag 200 Meter weiter östlich, wo es die hohen Fichten vor dem Wohnhaus von Ernst Haider abgefangen hatten. Neben dem Altbau stand auch ein mächtiger Kirschbaum mit einem Stammdurchmesser von zirka 35 Zentimetern; den hatte es am Wurzelstock regelrecht abgedreht und zur Seite gelegt. Der ganze Spuk hatte nur wenige Sekunden gedauert. Wie erlebten die Bewohner diesen Tornado? – Josef Müller: "Meine Frau und ich sind am 20. Juni um halb zwölf ins Bett gegangen. Zehn vor zwölf hörte ich auf einmal ein Pfeifen, einen hellen und schrillen Ton, ich bin raus aus dem Bett, ich dachte, ein Flugzeug stürzt ab, dann sah ich einen grellen Blitz und einen schwarzen Schatten, der nach oben verschwand, und dann war alles still, alles finster. Ich suchte eine Taschenlampe, leuchtete herum, hinunter zum alten Haus, dann nach oben und dann hörte ich von oben den Andreas schreien." Welche Erleichterung es war, als man die beiden Buben unverletzt unter den Trümmern hervorziehen konnte, als man registrierte, dass niemand verletzt war, dass auch die Urlaubsgäste im Häuschen unten mit dem Schrecken davongekommen waren. Der Sachschaden aber war beträchtlich, weil auch mehrere Autos schrottreif demoliert worden waren. Der Klein-Tornado zog eine rund 20 Meter breite Schneise der Verwüstung mit umgestürzten Bäumen und abgedeckten Dächern hinauf bis zum Freibad, zum alten Sportplatz und zum Anwesen von Max Jungbeck; Trümmer lagen überall. Später wurden sogar Holzteile und Isoliermaterial auf der Schareben gefunden. Später fand man auch heraus, was es mit dem vermeintlichen Kugelblitz auf sich hatte: Hubert Rackl hatte im Talgrund Bauholz für sein Einfamilienhaus gelagert. Von dort wurden Balken wie Zündhölzer hochgewirbelt, stürzten in die 20-KV-Leitung und verursachten einen gewaltigen Kurzschluss, der Blitz und Stromausfall auslöste. Noch in der Nacht rückten die Feuerwehren aus Arnbruck und Umgebung aus, leuchteten die Unglücksstelle aus, halfen, die zwei Wohnhäuser notdürftig mit Planen abzudecken. Bald begann es zu regnen. Josef Müller: "Drei Wochen lang hat es dann ohne Unterlass geregnet!" Kein Wunder, dass es da dem Josef Müller angst und bang wurde, als er zu rechnen begann: Drei Autos (davon ein neues der Urlauber) hatten Totalschaden, weitere fünf waren beschädigt. "Gottlob hat damals die Versicherung bezahlt!" Auch die Nachbarschaftshilfe funktionierte bestens: "Es waren immer 30 bis 40 Leute da, die aufräumen halfen, auch die Hausratversicherung hat bezahlt, aber wir hatten damals keine Sturmversicherung!" sagt Josef Müller, der die Kosten der Wiederherstellung mit 360 000 DM beziffert. Durch die nicht bezifferte Eigenleistung und die großartige Nachbarschaftshilfe konnte diese Summe beträchtlich reduziert werden. Wenn Josef Müller heute über die Katastrophe spricht, dann dringt immer wieder die Dankbarkeit durch, weil niemand verletzt worden war und sie in der Notsituation nicht alleingelassen wurden: "Wir haben trotz allem ein unglaubliches Glück gehabt!""

"Ich meinte, die Welt geht unter!" (Mittelbayerische, 26.08.16)