Pforzheim 1968 von
Thomas Sävert

Pforzheim 1968
Bericht der Pforzheimer Zeitung vom 10.07.1998

Pforzheim 1968
Pforzheim 1968
Pforzheim 1968
Fotos von Peter Zeller
Verheerender Tornado in Pforzheim am 10.07.1968:

Zugbahnkarte
(Zum Vergrößern bitte die Karte anklicken; Auszug aus Top200, Bundesamt für Kartographie und Geodäsie)


Der Tornado von Pforzheim gehört zu den bekanntesten und zugleich zu den schlimmsten, die in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland gewütet haben. Der Pforzheimer Tornado zog am Abend des 10. Juli über den Süden Pforzheims hinweg. Insgesamt war die Zugbahn etwa 30 Kilometer lang. Dabei entstanden Schäden in Höhe von rund 130 Mio. DM und allein in Pforzheim wurden mehr als 2.000 Häuser beschädigt. Zwei Menschen kamen in Ottenhausen (westlich von Pforzheim) ums Leben, und im Stadtgebiet wurden mehr als 200 Menschen zum Teil schwer verletzt. In den Wochen danach verunglückten noch einmal 130 bei den Aufräumarbeiten, ein Dachdecker starb dabei.

Die Gewitterzelle, in dessen Bereich sich der Pforzheimer Tornado bildete, entstand bereits über Frankreich und brachte hier schon einen ersten Tornado hervor, der zwischen 20:15 und 21:00 Uhr MEZ auf einer Strecke von etwa 60 Kilometern vor allem erhebliche Forstschäden anrichtete. Der Tornado löste sich nach den vorliegenden Erkenntnissen nach Überquerung der nördlichen Vogesen noch in Frankreich wieder auf. Nach einer Unterbrechung von 35 Kilometern entstand ein neuer Wirbel, der später als "Pforzheimer Tornado" bekannt wurde. Seinen Anfang nahm er gegen 21:30 Uhr zwischen Malsch-Sulzbach und Ettlingen-Oberweier, wobei zunächst noch kein Bodenkontakt beobachtet wurde. Augenzeugen beschrieben an der Vorderseite des aufziehenden Gewitters eine so genannte Wallcloud, aus der der Schlauch herausragte. Bei Karlsbad-Ittersbach gab es erste Schäden, den Ort selbst erreichte der Tornado um 21:37 Uhr. Bis ca. 21:50 Uhr überquerte der sehr starke Tornado u.a. Ottenhausen-Rudmersbach, Gräfenhausen und Birkenfeld sowie den Süden der Stadt Pforzheim und die Siedlung Neubärental.

Am Folgetag (11.07.1968) berichtete die Pforzheimer Zeitung: "Viele der alten Bäume des Pforzheimer Stadtgartens lagen umgestürzt - ein Bild des Grauens, das noch durch die Verwüstungen am Reuchlinhaus unterstrichen wurde. Dort waren die meisten der großen Glaswände zertrümmert. Die Stadtbücherei war vom Wirbelsturm durcheinander geworfen und schwer beschädigt. [...] Dutzende Autos lagen übereinander getürmt in den Vorgärten, waren von umgestürzten Bäumen zertrümmert oder am Straßenrand ineinander geschoben. Die Oberleitung der O-Busse hing über dem Boden, Dächer waren völlig abgedeckt. Nur an wenigen Wohnungen sind Fensterscheiben, Balkongeländer oder Rolläden ganz geblieben. [...] Die Waldsiedlung auf dem Buckenberg ist weitgehend ihres Schmuckes beraubt. Die Tannen wurden teilweise wie Streichhölzer abgeknickt und stürzten mit donnerndem Krachen auf und zwischen die Siedlungshäuser."

Das Ausmaß der Schäden war zunächst kaum zu überblicken. In der Nacht um 01:50 Uhr löste der damalige Oberbürgermeister Dr. Willi Weigelt Katastrophenalarm aus, der mehr als zwei Wochen gültig war. Nach Berichten der Pforzheimer Zeitung gab es innerhalb einer bis zu 500 Meter breiten Schneise - ausgehend vom Oberen Enztal - vor allem in den Stadtteilen Sonnenberg, Waldwiesen, Dillstein, Rodviertel, Südstadt, Waldsiedlung, Buckenberg, Alt-Haidach und in der Hagenschießsiedlung erhebliche Schäden bis zur völligen Zerstörung von Gebäuden und Fahrzeugen. Insgesamt wurden hier 2.350 Gebäude beschädigt, davon sechs völlig zerstört. Autos wurden bis zu 200 Meter durch die Luft gewirbelt. Zusätzlich wurden 46 Hektar Stadtwald und etwa 80 Hektar Staatswald komplett umgeworfen und abgebrochen. Insgesamt fielen etwa 130.000 Festmeter Sturmholz an. Tote gab es im Pforzheimer Stadtgebiet nicht. Dagegen wurden in Ottenhausen zwei Menschen von einer einstürzenden Mauer erschlagen.

Die Aufräumungsarbeiten zogen sich über viele Wochen hin. Rund 300 Einsatzkräfte waren bereits in der Nacht zum 11. Juli vor Ort beschäftigt. Eingesetzt waren in den Folgetagen bis zu 1.000 Helfer, darunter auch Soldaten des amerikanischen und des französischen Militärs. Bis zum Monatsende fuhren mehr als 200 LKW insgesamt etwa 12.000 Ladungen mit ca. 50.000 Kubikmetern Schutt ab. Schwierig war die Reparatur der Dächer, da nicht ausreichend Handwerker und Material in der Region zur Verfügung standen. Abdeckfolie wurde noch aus hunderten Kilometern Entfernung herbeigeschafft. Um die Stromversorgung wieder herzustellen, wurden 290 Monteure in das Katastrophengebiet versetzt. Helfer, Bewohner und durch die Schäden Obdachlose mussten jeden Tag mit bis zu 6.000 Essen versorgt werden. Das gesamte Katastrophengebiet musste weiträumig abgesperrt werden, nachdem tausende Katastrophentouristen die Aufräumungsarbeiten behindert hatten.

Links zum Pforzheim-Tornado:
Fotos der Schäden von Peter Zeller
30 Jahre nach dem Tornado (Pforzheimer Zeitung, 10.07.1998)
Inferno aus Gewitter und Orkanböen (Pforzheimer Zeitung, 01.06.2008)
Inferno aus Gewitter und Orkanböen (Pforzheimer Zeitung, 02.06.2008)
Sommerabend endet im Chaos (Pforzheimer Zeitung, 10.07.2008)
40. Jahrestag des "Tornado von Pforzheim" (SWR, 09.07.08)
Der Tornado von Pforzheim - Abendschau vom 11.07.1968 (SWR)
Bildergalerie: Der Tornado von Pforzheim (SWR)
Schadensfotos: Tornado über Pforzheim 10 Juli 1968 (YouTube)
The day after - tornado68 - Birkenfeld - Pforzheim (YouTube)
Tornado Hits German Town (1968) (YouTube)
Weiteres Schadenfoto von damals
Tornadoentstehung bei Malsch-Sulzbach (Wetterzentrale)
Gedenken an Opfer des Tornado vor 40 Jahren in Ottenhausen (Straubenhardt, 11.07.2008)

Wetterlage am 10.07.1968
Wetterlage am 11.07.1968
Wetterlage am 12.07.1968
Quelle: Wetterzentrale
Wetterlage um den 10.07.1968:

Am 10. Juli 1968 entstand im Bereich Portugal - Nordwestspanien ein Tief, das mit Nordostkurs über die Biskaya, Nordfrankreich, den Ärmelkanal und die Benelux-Staaten hinweg bis zum 11. Juli nach Norddeutschland zog. An seiner Ostseite gelangte sehr warme und feuchte Mittelmeerluft in den Süden und in die Mitte Deutschlands. So stieg die Temperatur am 10. Juli z.B. in Karlsruhe bis 30,6 Grad und in Stuttgart bis 29,6 Grad, während an der Nordseeküste nur Werte um 15 Grad erreicht wurden.

Die Kaltfront des Tiefs griff von Westen her auf Deutschland über. Im Bereich der Kaltfront und vorlaufend bildeten sich teils heftige Gewitter, die vielerorts mit Starkregen, Hagel und Sturmböen verbunden waren. Eine dieser kräftigen Gewitterzellen überquerte mit Ostkurs zunächst die Vogesen in Frankreich und dann den Schwarzwald auf deutscher Seite des Rheins. In ihrem Bereich entstand unter günstigen Bedingungen (mit der Höhe drehender und stärkerer Wind) der Pforzheimer Tornado.

Die nebenstehenden Karten zeigen die Wetterentwicklung vom 10.07., 01 Uhr MEZ, bis zum 12.07., 01 Uhr MEZ. Zu erkennen ist das Tief, das unter erheblicher Verstärkung von Südwesteuropa bis zur Ostsee zog. Dort wurde das Tief zu einem kleinräumigen Sturmtief, auf dessen Rückseite aus Nordwesten deutlich kühlere Luft nach Mitteleuropa wehte.

Ähnliche Wetterlagen haben schon mehrfach in der Region um Pforzheim schwere Gewitter und auch Tornados ausgelöst. Bekannt ist u.a. ein Fall aus dem Jahre 1952, als am 13. August ein Tornado in einem Stadtteil Pforzheims erhebliche Gebäudeschäden anrichtete. Der jüngste Fall ereignete sich am 08. Juli 2003, als durch einen Wirbel Schäden am Bahnhof entstanden. Allerdings ist in diesem Fall nicht ganz klar, ob es sich um einen Tornado handelte oder nur um eine kleinräumige und kurzzeitige Verwirbelung am Bahnhofsgebäude.

Der Pforzheim-Tornado im Juli 1968 war zwar der bisher bekannteste Tornado der Stufe F4 in Deutschland, es sind aber eine ganze Reihe weiterer Tornados aus Deutschland und aus den Nachbarländern bekannt, die zum Teil sogar noch stärker waren. Allerdings wurden dabei meistens nur kleinere Orte getroffen und keine größeren Städte wie Pforzheim. Der letzte bisher bekannte F4-Tornado in Deutschland ereignete sich am 24. Mai 1979 (Pfingstmontag) im Süden Brandenburgs. Damals wurden sogar schwere Mähdrescher durch die Luft gewirbelt.



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